175 Jahre Leibniz-Gymnasium

Ehemalige Schülerinnen und Schüler

FRG Wilhelmstadt

Am 11. April 1850 öffnete in der Friedrichstraße 126 (Bild links, heute Sitz des Ullstein-Verlages) die „Friedrich-Wilhelmstädtische höhere Lehranstalt“. 1874 zieht die Schule in die Albrechtstr. 21 neben dem Deutschen Theater (Bild rechts). Nach mehreren Namenswechseln hieß die Schule seit 1882 „Friedrichs-Realgymnasium“ und 1938-1945 "Litzmann-Schule". Da das Leibniz-Gymnasium am Mariannenplatz 1945 nicht wieder hergestellt wurde, war der Mathematiker und Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz als neuer Namensgeber frei.

Ehemalige Leibniz-Schülerinnen und -Schüler

Manfred von Ardenne

Der "genialste Schüler der Anstalt" 

* 1907 Hamburg, † 1997 Dresden, 1919-1923 am Friedrichs-Realgymnasium

Bundesarchiv Bild 183 K0917 501 Prof. Manfred v. Ardenne
Bundesarchiv Bild 183-K0917-501, CC BY-SA 3.0 de

„Wendiger Baron“ oder „Selbstverwirklichung im Jahrhundert der Diktaturen“?

1930 gelingt Manfred Baron von Ardenne die weltweit erste vollelektronische Fernsehübertragung mit Kathodenstrahlröhre (Braunsche Röhre). Das Bild oben zeigt ihn 1933 mit der Röhre und dem Projektionsapparat.

Egal, wie man seine Tätigkeit für Demokraten, Nazis und Kommunisten bewertet, er war ein genialer Wissenschaftler und Techniker. Das Zitat im Untertitel stammt von dem Schriftsteller Heinz Knobloch, 1936-1942 an unserer Schule (s.u.). 

1919 kommt Ardenne mit 12 Jahren an das Friedrichs-Realgymnasium. Mit 16 meldet er sein erstes Patent für Rundfunktechnik an. Im Sommer 1923 führt er im Physiksaal einen Radiosender vor, muss die Schule aber trotz dieses Erfolges ohne Abitur verlassen, weil sich die Leistungen in den nicht-naturwissenschaftlichen Fächern dramatisch verschlechtert haben. Er widmet sich jetzt ganz der Weiterentwicklung der Radio- und Fernsehtechnik, gefördert von Siegmund Loewe, Gründer der gleichnamigen Firma. 

1937-1941 entwickelt Ardenne in seinem Lichtenberger Labor das Rasterelektronen- und das Universalelektronenmikroskop und widmet sich dann der Kernphysik. 1945 wird er mit anderen deutschen Wissenschaftlern in Sochumi am Schwarzen Meer interniert, um die sowjetische Kernforschung voranzutreiben. Er trägt entscheidend zum Bau der  Wasserstoffbombe bei und erhält 1953 den Stalinpreis. Mit den Mitteln des Preises gründet er in Dresden das Forschungsinstitut "Manfred von Ardenne" (Bild unten rechts), das er bis 1990 leitet. In der DDR genießt er höchstes Ansehen.

Dem Schulabbrecher Manfred von Ardenne gelang es unter Hitler, Stalin, Ulbricht und Honecker seine wegweisenden Forschungen und Entwicklungen voranzutreiben. War er der "wendige Baron" (Titel einer MDR-Dokumentation von 2010) oder gelang ihm "die Selbstverwirklichung im Jahrhundert der Diktaturen" (Titel der Biografie von Gerhard Barkleit, Duncker & Humblot 2006)?

Quellen:
Kurzbiografie im "Lemo", Deutsches Historisches Museum
Der Herr des Fernsehens, NDR 2022

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Heinz Knobloch

Schriftsteller und Feuilletonist

* 1926 Dresden  —  † 2003 Berlin
1937-1942 am Friedrichs-Realgymnasium

Bundesarchiv Bild 183 R0323 0311 Heinz Knobloch Kopie
Bildquelle: Bundesarchiv

Das stille Lächeln zwischen den Zeilen

Aus dem Bericht Lothar Heinkes über die Trauerfeier im Roten Rathaus, Tagesspiegel 08.08.2003

„Er war ein Wahrheitssuchender, unabhängig von jedwedem politischen System, in dem er lebte. Er arbeitete subtil mit Andeutungen zwischen den Zeilen wie kaum ein zweiter. In seinem charmant-verschmitzten Stil verschmolz die Berliner Schnauze auf unnachahmliche Weise mit der Herzlichkeit seines sächsischen Mutterwitzes“, lobte Berlins offizieller Redner [André Schmitz]. […] Wenn man ihn, dessen Bücher und Feuilletons erst nach der Wende auch im Westen bekannt wurden, fragte, ob er sich in der DDR als Widerständler gefühlt habe, sagte er: „Ich hatte einen Erker, aus dem ich mich herauslehnen konnte“ oder „Mein Leben fand zwischen den Zeilen statt“.  […] 

Knobloch war nicht jüdischer Herkunft, obwohl dies manche dachten. „Er nahm das mit Humor, ja, es hat ihm bei seiner Identifikation mit dem Charakter Mendelssohns fast Spaß gemacht“. Dies gelte auch für die Zeilen, die Knobloch seinem Buch über Herrn Moses als Bestimmung des Menschen vorangestellt hat: „Nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes wollen, das Beste tun.“ (Heinz Knobloch: Herr Moses in Berlin: Auf den Spuren eines Menschenfreundes, Fischer 2001)

„Eine Berliner Kindheit — zwischen Olympia und Luftschutzkeller“

In dem 1999 erschienen Buch berichtet Heinz Knobloch auch über seine Jahre am Friedrichs-Realgymnasium

Das Friedrichs-Realgymnasium wurde während seiner Schulzeit 1937-1941 zunächst in „Friedrichs-Oberschule“ und dann in „Litzmann-Schule“ umbenannt. Knobloch schreibt:
"Jedenfalls heißt es heute Leibniz-Gymnasium. Diesen Namen wird so leicht niemand ändern, denn es bleibt offen, ob der Philosoph oder der Keksbäcker gemeint ist." (S. 61)

Nicht alle Lehrkräfte waren überzeugte Nazis:
"Unser erster Ordinarius, also Klassenlehrer, war Professor Fritz Müller. […] Seine Nase erzählte wortlos vom Portwein oder was immer er sich genehmigte in der von ihm verwalteten Lehrerbibliothek, auch »Tankstelle« genannt. Von dort kommend begrüßte er eines Tages unsere Klasse statt mit dem obligatorischen »Heil Hitler« mit »Heil Christus«. Das wurde ihm vergehen. Sein zweites Fach war Religion." (S. 66)

Knobloch beschreibt mehrere Lehrer, die sich mehr oder weniger offen vom NS-Regime distanzierten. Aber es gab auch „Supernazis“ wie Otto Köhler:
"Der wiederum war Verfasser eines neuen Lehrbuchs der Mathematik, in deren Umschlagklappe eine Stereobrille steckte, rot-grün, mit deren Hilfe alle Kegel, Pyramiden und sonstigen geometrischen Gebilde dreidimensional sichtbar wurden. […] Ein Schüler meldete sich. Er sähe es nicht.
Köhler: »Sind Sie nicht­arisch?!«
Schüler: ???
Köhler: »Juden können nicht räumlich sehen!«  (S. 69)

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